Fiedel gibt es nicht mehr

Nachruf für einen guten Freund

Es gibt Kneipen, in die geht man, um das Leben zu vergessen. Zu Fiedel gingen wir, um zu klönen und unter Freunden zu sein.

Mit dem kleinen „Cafe Etage“ auf der Gottfried Keller Straße hatte uns Fiedel in der Zeit der Wende einen lang gehegten Wunsch erfüllt.

Später, im Kulturhaus Cotta beschäftigt, wurde mehr und mehr das kleine Dorf Kottewitz zum Mittelpunkt. Der Tunnel unten in Rothschönberg war unsere Zeitmaschine.

Am 30.07.2010 starb er, ein guter Freund, ein Künstler und unser bester Therapeut bei schlechter Stimmung.

Dein Haus stand allen offen und doch wäre keiner von uns auf die Idee gekommen, das auszunutzen.
Der Respekt vor Dir und Deinem charaktervollen Idyll hatte nichts Autoritäres. Man hatte ihn einfach.
Falls nicht, gab´s lediglich kurze Ansagen. Es war in all Deinen Kneipen so: dem wachsamen Blick Deiner Augen überm Zapfhahn entging nichts. Wo gerade ein Bier ausgetrunken wurde, floss aus dem Hahn schon das nächste ins Glas, kein Aschenbecher wurde zu voll und wenn einer einem anderen gegenüber laut wurde und sich Übles anbahnte, marschierte der plötzlich an Deiner Seite auf magische Weise Richtung Ausgang und blieb lange draußen.

Die Geschichten um Deine klarstellenden Fähigkeiten waren immer irgendwie beruhigend – schön anzuhören sind sie bis heute. Stellvertretend sei die erzählt, die sich in einer Kneipe in der Neustadt abgespielt hat: Ein Nazi machte Dir gegenüber – Zitat- „solche komischen Karateübungen“. Du sagtest zu ihm „Höre off, ich rupp dirs Been raus!“ Er hörte nicht auf und verließ die Kneipe demzufolge auch nicht auf seinen eigenen Füßen.

In Deiner Nähe fühlte man sich beschützt; wer sich aber nicht bedroht fühlte, konnte trotzdem sicher sein, dass das so bleibt. So würden viele Heimat definieren. Wir, Deine Freunde tun es auch. Die Selbstverständlichkeit, mit der Du uns in Kottewitz immer empfangen hast, kam uns vor wie ein Naturgesetz, an dem sich so schnell nichts ändern wird. Wo der Einsame Gesellschaft, der Witzbold Gleichgesinnte findet und der Melancholiker sich verkriechen kann. Der Satz von Tolstoi „Das Glück besteht nicht darin, daß du tun kannst, was du willst, sondern darin, dass du auch immer willst was du tust.“ war Dein Lebensmotto. Wollte man ein Wörterbuch „Fiedelisch – Deutsch“ herausgeben, dürften Wortschöpfungen wie „bitte heute keine Kompliziertkeiten mehr“, „Fritzentypen“, „da kommt mir de Linse“ und „dort isses, würde de Frau Schulze sachn“ oder „da geh´sch kabudd!“, „das is der richt´sche Wind!“ und schließlich „das Leben ist eine Sahnetorte!“. Wobei das mit der Sahnetorte hin und wieder verschieden war. Wer Dir zu saumselig, zögerlich oder nörglerisch erschien oder bereits nach zwei Kurzen aufgeben wollte, bekam auch mal ein „Das Leben ist keine Sahnetorte!“ zu hören. Aber das war selbstverständlich nur ein kluger didaktischer Schachzug in feinster Fiedel-Pädagogik.

So vielseitig und unterschiedlich die Menschen, die sich bei Dir trafen, waren, so viele Erinnerungen an Dich werden bleiben. Sie alle hier zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen. Typisch für Dich: Als Du im jugendlichen Übermut seinerzeit auf dem Rummel Kesselsdorfer Straße dem Mädel, die im Kettenkarussel vor Dir saß, etwas Schwung abgeben wolltest, war der so heftig, dass die derart Beschleunigte auf direktem Wege aus dem Kettenkarussel in die Schießbude geflogen ist. Passiert ist keinem etwas, aber der Schießbudenbetreiber wird genauso erschrocken ausgesehen haben wie wir, als wir von Deinem unerwarteten Tod hörten. Wie das jetzt alles gehen soll, ohne Dich, wissen wir noch nicht. Du hast uns keine Gebrauchsanweisung zur Be- und Verwertung Deines gelebten Lebens hinterlassen.

Die Meisten von uns kannten Dich viele Jahre, Andere hatten Dich gerade erst kennen gelernt und freuten sich aufs Wiedersehen. Für sie alle aber warst Du: beliebtester Gaststättenleiter, Herbergsvater und Lagerleiter, Seelensalber, Rumänienliebhaber mit hauseigener orthodoxer Nonne „in so ´nem Strampelanzug“, die in deiner Blockhütte in den Bergen überwinterte, Tischtennisprofi mit knallharter Netzangabe und dem Schlachtruf „Jetzt is aber knallhart Konfirmation angesagt!“, aber vor allem und überhaupt ein Meisterfiedler auf dem Geigenbogen des Lebens.

Wir haben berauscht und beglückt Deiner Aufführung eines wunderbaren Konzertes gelauscht. Nun, nachdem dieses verklungen ist, blättern wir das Programmheft um und lesen: „Sie hörten die Uraufführung des Werkes mit dem Virtuosen in seinem weltweit ersten und auch letzten Konzert.“ Wir lieben Dich und werden uns immer an Dich erinnern.

Dorothea Schröder
Auszüge aus der Trauerrede zur Urnenbeisetzung am 20.08.2010, die vollständige Rede finden Sie im Internet unter:
www.fropo.info